Norwegen, Schweden, Finnland
1. Teil meiner Reise. Nordkapp zum Südkapp
Fahrrad Kilometer: 480 Km
Nordkapp
Die karge Landschaft um das Nordkap ist ziemlich hügelig. Hier oben wächst kein Baum, kein Busch. Doch es hat genügend Gras für die Rentiere, die hier einen grossen Weitlauf haben. Einzelne Häuser sieht man entlang der Strasse, aber sonst ist es pure Natur. Die Strasse schlängelt sich wenige Kilometer nach Honningsvag (die End Destination meiner Hurtigruten Reise) auf ein Hochplateau, auf dem ich meinte ich sei auf Zielhöhe. Leider führt sie wieder fast auf Meereshöhe, um ganz am Schluss ziemlich steil wieder auf eine Höhe von dreihundert Meter über Meer hoch geht, wo sich das Nordkapp befindet. Eine eindrucksvolle Höhe für so einen markanten Punkt. Der Ort passt also hervorragend zu einem Start für eine Weltreise mit dem Fahrrad. Nicht nur ich als Radler sucht das Aussergewöhnliche, nein auch viele Motorräder, die von zu Hause aus hierher fuhren. Der Parkplatz ist auch voll mit Wohnmobilen, die meisten von Deutschland (von wo sonst), auch Schweizer sind einige vertreten oder solche die sich tarnen. Familie Wyss mietet ein WoMo in Rovaniemi (Finnland) und fährt drei Wochen im Norden herum. Wir lernen uns im grossen Informations Gebäude vom Nordkapp kennen. Leider finden sie keinen aufgestellten Weltenbummler vor, da ich meinen 2. Speichenbruch kurz vor dem Nordkapp erleiden musste. Zusätzlich erfahre ich, dass Tout Terrain wusste, dass mein Hinterrad falsch eingespeicht ist (1. Kreuzung nicht über Gehäuseschraube). In mir bricht eine Welt zusammen! Ich bin enttäuscht, wütend, frustriert und ängstlich vor der Weiterfahrt in den Süden. Hier oben gibt es keine einzige Möglichkeit mein Rad um zu speichen. Unfair finde ich es, dass Tout Terrain mich nicht informiert hat. Natürlich bin ich noch mehr wütend, dass ein Fahrrad Mechaniker in der Schweiz nicht mal in der Lage ist ein Rad richtig ein zu speichen. Die Fehler oder der Veloladen möchte ich hier nicht erläutern bis die Sache vollständig geklärt ist.
Die Familie Wyss stellt mich auf, indem sie mich zum Nachtessen einladen und erst noch im feinen Restaurant mit Blick aufs schöne Eismeer, das von der Sommersonne geblendet wird. Der König Krabben schmeckt auszüglich. Die Russen haben vor einigen Jahren einige Krabben als Forschungszwecken in Murmansk ausgesetzt. Seit dem vermehrt er sich rasant bis zum Nordkapp. Der Kellner meint, dass die Krabben bei Ebbe an den Strand kommen, um sich schon mal von der Sonne vor zu braten. Sie haben eine Spannweite bis zu 2 Meter!
Nach dem leckeren Abendessen mit einem „hei lecker“ Dessert schaue ich mir die verschiedenen Sachen an, wie das Denkmal, erschaffen von sieben Kindern von sieben verschiedenen Ländern oder die Zeitgeschichte der Sonne.
Das Wetter ist noch bewölkt, aber gegen Mitternacht verdrängt die starke Sonne die Wolken immer mehr, so kann ich mit hunderten anderen Touristen die Mitternachtsonne bei blauem Himmel in vollen Zügen geniessen. Eindrücklich ist, dass die Sonne etwa ein bis zwei Fingerbreite auf das Meer sinkt, dort ein paar Minuten verweilt, um dann wieder gen Himmel zu steigen. Dies lässt das Universum zu, weil die Erde einen Winkel von 23° zur Sonne hat. Immer noch verzaubert von dem Spektakel fotografiere ich mein Start: Endlich nach meiner drei-monatigen Anreise per Ski, Mountainbike, See-Kajak, Fahrrad, Fähre und Schiff kann mein erster Teil meiner Reise beginnen: Per Fahrrad vom Nordkapp zum Südkapp.
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Die sieben Schwestern
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Längenangaben
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Nordkapp um 21 Uhr
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Nordkapp um 24 Uhr
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Start meiner Weltreise
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Camp am Nordkapp
Start am Nordkapp, Norwegen
Am 2. Juli 2015 um 9.15 Uhr starte ich nach einer kurzen Nacht meine Weltreise. Zurück nach Honningsvag (33 Km) ist fast anstrengender, ich habe das Gefühl es gehe mehr bergauf, als auf dem Hinweg. Da das Nordkapp sich auf einer Insel befindet, wussten die Norweger nichts anderes als ein für die Radler grässliches Tunnel unter dem riesigen Fjord zu bauen. Licht an und Luft ein(atmen). Es geht drei Kilometer steil nach unten in die Hölle, etwa fünfhundert Meter flach, dann wieder drei Kilometer hoch, zurück ans Sonnenlicht. Im dunklen Tunnel sehe ich im Rückspiegel nichts als Leere, aber ein gewaltiges Geräusch kommt immer näher und Wumm ist es vorbei. Hat mich gerade ein Geistfahrzeug überholt? Und da noch eins! Beim ersten bekomme ich es mit der Angst zu tun. Mein Tacho zeigt 50 km/h an. Bis ich realisiere, dass es die ohrenbetäubenden Ventilatoren an der Decke den Smog aus dem Tunnel pusten.
Die folgende Landschaft ist herzzereissend schön, sie führt zuerst entlang von einigen Fjorden, über kleinere Hügeln und dann einem riesigen Meeresarm entlang. Viele Fahrradfahrer radeln mit Sack und Pack zum Nordkapp rauf, alle in die falsche Richtung. Plötzlich fragt mich eine Stimme, die gerade das Mund voll Lunch hat, ob ich den Stephan Kistler sei. Bin ich jetzt schon so berühmt, dass die Leute mich per Namen kennen? Nein, es war die Anna Ehrenzeller, eine ehemalige Arbeitskollegin meiner Schwester Tanja. Sie weiss, dass ich unterwegs bin, doch sie dachte bestimmt nicht, dass ich ihren Weg hier im hohen Norden kreuze. Sie fährt in NUR 2 Monaten von der Schweiz zum Nordkapp. Allein als Frau! Hut ab!
Gegen Abend schaue ich mich nach einem Nachtplätzchen um. Bei einem WoMo mit Basler Kennzeichen sage ich einfach mal Grüezi, vielleicht haben sie eine Idee. Sie haben keine Ideen, dafür ein Coca-Cola und eine Frey Schokolade, anschliessend händigt die liebe Frau mir drei Lachsfilet aus. Herzlichen Dank! Ein paar Kurven weiter, eine schöne von der Sonne anbestrahlte Bucht. Ich schlage mein Zelt direkt am tief blauen Meer auf, wasche mich im kalten Fluss (man fühlt sich einfach frischer danach), und koche den schmeckhaften Lachs über dem Optimus Polaris Optifuel Kocher. Ein wunderschöner Tag neigt sich dem Ende zu.
Ich finde heraus, dass es das Beste ist, wenn ich die Wasserflaschen bei Einheimischen auffüllen lasse. Da kommt man schnell in ein Gespräch und lernt so sehr viel über das bereiste Land. So frage ich den Herr, der gerade sein Feriehäuschen rot anstreicht, für was die Holzbarrikaden auf den Wiesen sind. Er erklärt, dass man so die Rentiere einfängt, um sie danach zu scheren oder weiter „verwendet“.
Um zu feinen Mahlzeiten zu gelangen muss man manchmal einfach ein bisschen jammern oder frech sein. Bei einer hübschen Norwegerin jammere ich, da ich Tout Terrain per Telefon nicht erreiche, so gibt sie mir als Trost einen „free coffee“. Ich löse den Schein in eine leckere Waffel mit viel Schmaus obendrauf. Die Holländer würden wieder sagen: Eei, lecker! In einer Tankstelle frage ich ein Kunde, der gerade mit zwei Hotdogs nach draussen flüchtet, ob er mir eins offerieren möchte. Er schüttelt den Kopf und weiss nicht, was genau sagen, so frage ich den Verkäufer: „what about you?“ Ich glaube, er konnte nicht anders. Eei, lecker!
Zwischen Olderfjord und Alta ist die Landschaft wieder eindrücklich schön, es hat immer noch keine Bäume, sodass man über das weite Land blicken kann. Hin und da sehe ich Rentiere grasen, haben aber mächtig Angst von den Radlers oder denken die, ich erschiesse sie mit meiner Kamera? Anscheinend sind die norwegischen Rentiere radioaktiv verstrahlt, wegen dem Unglück in Tschernobyl im Jahre 1986.
Bei einem weiteren Wasserhalt erfahre ich, dass ein Gerücht umher geht, Norwegen wird in der nahen Zukunft billiger werden, weil die Ölscheichs die Preise den Konkurrenten anpassen müssen. Norwegen ist sehr reich an Öl Raffinerien, die ziemlich weit offshore, das heisst draussen im Meer, liegen. Das Pärchen, das mir zwar kein Wasser gibt, sondern mich zum Fluss verweist, verbringen einige Tage in einem Telekom Häusschen. Sie bauten diese Häuser, weil die Gegend so abgelegen ist, und die Arbeiter nicht immer nach Hause fahren konnten, während sie die Telefonleitungen verlegten.
Wissenswertes über Samen in Finnland:
Die Samen sind die Ureinwohner Lapplands und werden auch Sami genannt. Es gibt ca 60.000 – 75.000 Lappen, ca 45.000 leben in Norwegen, ca 20.000 in Schweden, ca 7.000 in Finnland und ca 2.000 in Russland. Die Sprachen der Samen ähneln der finnischen Sprache. Einen Sami nach der Anzahl seiner Rentiere zu befragen, ist genauso unüblich, wie sich bei einem Deutschen nach seinem Kontostand zu erkundigen. Die Bezeichnung „Lappen“ empfinden die Samen als Schimpfwort.
Unterteilung der Samen
Bergsamen: folgen noch heute dem Zug der Rentiere, im Sommer nach Norden, im Winter nach Süden.
Wald-und Flussamen: wechseln nur noch zeitweilig in den Sommermonaten ihren Wohnsitz
Fischersamen: sind seit Jahrhunderten an den Fjorden Norwegens ansässig
Am 4. Juli probierte ich per Skype zu Hause an zu rufen. Leider efolglos. Ich bekomme das erste Mal ein bisschen Heimweh und denke an mein Daddy, der heute Geburtstag hat. Er und mein Mutti essen Schokoladen Kuchen und ich fahre von Alta (Meereshöhe) auf mehr als dreihundert Meter über Meer durch die Regenhölle. Ich spüre fast meine Hände nicht mehr. Ich gucke wie ein paar Trekker Baumwoll Hanschuhe tragen, die wären jetzt bestimmt nützlich. Als mein Körper auch schon fast durch gefroren ist, kommt die Sonne hervor und trocknet mich wieder. Seit ich das Nordkapp hinter mir habe, geniesse ich einen starken Nord-Nordwestwind, der mich über das Land fegt. Wie immer, wenn man in Fahrt ist, gibts meistens Probleme. Bling! 3. Speichenbruch! Dies mal glücklicherweise auf der Antriebseite. So verläuft die Reparatur viel schneller. Bei den ersten zwei Brüchen, musste ich die Bremsscheibe, den Ständer, das Schaltgehäuse UND das Getriebegehäuse demontieren, sprich das halbe Velo!! Sehr aufwendig und ärgerlich.
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Fjord
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Meeting mit Anna Ehrenzeller
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Camp mit frischem Lachs zum Nacht
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Leckeres Würstchen
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Rentier
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Karge, schöne Landschaft
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Rentiere kreuzen die Strasse
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Der Beweis, dass die Sonne nicht untergeht!
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Vier russische Radler
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Lunchtime
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Genussvolles Fahren in der Pampa
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Bergauf im strömenden Regen
Finnland
Vor der Grenze werde ich die letzten norwegischen Kronen los. Schreibe Mails an Tout Terrain in einem Informations Center. Da treffe ich einen ehemaligen WK-Kollegen (Marco Zehnder) an. Er reist mit zwei Kollegen mit Auto von Kittä zum Nordkapp, über die Lofoten wieder zurück. Er offeriert mir ein belegtes Brötchen, welches mein Lunch sein wird. Unterwegs treffe ich vier Radler von Russland. Das Girl ist von Murmansk, Vater und Sohn von Moskau und der junge Mann von St. Petersburg. Über das Internet lernten sie sich kennen und radlen nun gemeinsam zum Nordkapp. Dann ein deutsches Pärchen, wenig später ein solo deutsches Girl. Sie ist ein bisschen unmotiviert, weil sie alleine reist und mit niemanden streiten kann. Sie müsste nur eine halbe Stunde warten, denn dann kommt schon das nächste solo Girl mit kurzen Hosen! Wenige Minuten später drei norwegische Jungs mit Bobs. So viele Radler fahren zum Nordkapp, es scheint ein richtiger Pilgerweg zu sein.
Nach der Grenze bekriegt mich eine Invasion von Mücken und anderen Insekten. Was ist los!? Aha, der Wind hat abgestellt. Gott, stell ihn wieder an, bitte!! Auch am Abend an einem schöne See werde ich nicht verschont von diesen Biestern. Ich übertreibe nicht, aber zwischen Aussen- und Innenzelt surren hunderte von diesen unerwünschten kleinen Blutsaugern. Sobald ich draussen stehe, kommt eine Wolke von diesen Bengelchen auf mich zu.
Erster Reisekoller
An einem feucht regnerischen Morgen komme ich nur siebzehn Kilometer weit und schon bin ich völlig durch nässt und halb erfroren. Ich suche Zuflucht unter einem Dach, das einer Schreinerei gehört. Ich kriege mich fast nicht mehr warm, bei sieben Grad ist es nicht verwunderlich. Im Daunenschlafsack und einer Mütze Schlaf komme ich wieder zurück zu den Lebenden. Das Wetter ist miserabel, kalt, Regen, dann diese Mosquitos (Mossies) und nur noch Wald, Wald. Es stinkt mir gewaltig! Ich denke das erste Mal (jetzt schon) ans Aufgeben. Ich schmiede Pläne für die Zukunft. Es wird immer schlimmer. Aber nicht nur das Wetter ist schuld, die Hauptschuld liegt an meinem Hinterrad, welches nach alle etwa dreihundert Kilometer einer Speiche das Freilos gibt. Ich will es nicht wirklich zugeben, aber liebe Freunde, ich sehe keine Chance mehr heil in die nächste Stadt zu kommen. Ist mir schnurz egal, unmotorisiert um die Welt zu kommen. Das Reisen muss immer noch Spass machen oder nicht? Das Risiko einen 4. Speichenbruch erleiden zu müssen ist sehr hoch, eine Reparatur durch zu führen im Regen und Kälte… nein danke! Über Schweden nehme ich also traurig den Bus in die nächst grössere Stadt nach Rovaniemi. Ich kann es einfach nicht fassen, dass Tout Terrain mich so im Stich lässt und scheinheilige Emails schreibt. Netterweise haben sie es zugegeben, dass das Rad falsch eingespeicht ist, doch dann meinen sie es sei normal, dass man mal ein Speichenbruch hat. Adieu Sponsor! So etwas akzeptiere ich nicht!
In Rovaniemi telefoniere ich mit wahren Mechanikern von Rohloff. Der Mann am Ende der Leitung empfiehlt mir direkt nach Sauvo zu kommen, da ich sonst riskiere noch mehr kaputt zu machen. Es könnte sein, dass die Auffassungen der Speichen schon ausgeleiert sind. Ich bete!
Also meine Entscheidung den Bus zu nehmen war richtig, obwohl es sehr weh tat. Nun sitze ich im Zug auf dem Weg nach Sauvo, welches im Süden von Finnland ist.
Ich hoffe, ihr könnt eine erfolgreichere Fortsetzung meiner Reise lesen.
Bis bald, Euer Stephan
Lieber Stephan
ist nun das Frieren zu Ende? René Bucher hat einen Oesterreicher in Norwegen getroffen, welcher Dich kennt und sagte ihm, dass es Dir gut gehen. René ist auf der Hurtigruten. Lies unbedingt mein Whatsup oder E Mail, wegen der Kreditkarte. Machs guet und wir denken jeden Tag an Dich. Silvias Sohn Brienz) hat ein BMC Mounti gekauft.
Küssli Mami
Ab morgen wirds endlich Sommer. Gehe in Chelm die Kreiden Produktion anschauen….